Schulbegleitung unter Corona-Bedingungen

Ein Jahr ist vergangen, seit ich meinen ersten Bericht über meine Arbeit als Schulbegleiterin geschrieben habe. Ich arbeite immer noch in der Peter-Petersen Grundschule mit Lea, aber wir wissen alle, dass sich mit COVID sehr viel verändert hat.

Lea und ich haben die Zeit bisher recht gut gemeistert. Wir waren während des Lockdowns im Frühjahr gelegentlich über Skype in Kontakt, ich habe ihr Briefe geschrieben und Arbeitsmaterial kontaktlos nach Hause gebracht. An ihrem Geburtstag haben eine Kollegin und ich vor ihrem Balkon ein Geburtstagslied gesungen. Wir waren gemeinsam in der Notbetreuung, als sie es zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten hat. Jetzt sind wir im „normalen“ Präsenzunterricht, aber es ist alles andere als normal.

Es ist wieder ein Montagmorgen in der Entenklasse. Leas Arbeitsplatz ist wie immer vorbereitet. Ihre Sitzmatte liegt auf ihrem Stuhl. Sie ist zwar kaum noch nötig, aber irgendwie eine liebgewonnene Orientierung geworden. Klebstoff, Schere, Spitzer und ihr Arbeitskörbchen stehen auf der Bank vor Leas Sitzplatz. Das hat jetzt jedes Kind so, damit unnötige Laufwege vermieden werden.

Die Kinder trudeln aber nicht langsam ein, es gibt keine kurzen Gespräche mit Eltern oder Geschwistern, sondern sie versammeln sich mit Maske auf dem Schulhof auf unserem Klassenzeichen. Die Eltern stehen vor dem Schultor, auch mit Masken, sie dürfen das Schulgelände nicht mehr betreten. Viele Kinder sind da, auch Lea wartet, sie hält sich streng an alle Corona Regeln. Bei Lea, der ich sonst ihr Befinden sehr schnell am Gesicht ablesen konnte, schaue ich jetzt auf ihre Körperhaltung, um schnell zu sehen, wie es ihr heute geht. Ich versuche viel mit den Augen zu sprechen, gehe in die Hocke, damit sie mich besser sieht.

Wir gehen in die Klasse und nach allen Hygienemaßnahmen sitzen wir alle, jetzt ohne Maske, auf unserem festen Platz. Unser großer Gruppentisch, an dem wir uns früher wie um ein Lagerfeuer versammelt haben, ist zur Seite geschoben und wir sitzen möglichst alleine an einem Tisch. Lea sitzt mir jetzt gegenüber. Sie sucht oft meinen Blickkontakt, ohne Maske sprechen wir kurz, ob alles in Ordnung ist und der Schultag beginnt.

Nach unserem Morgengespräch fängt Lea an zu arbeiten. Das, was sie heute zu erledigen hat, liegt in ihrem Arbeitskörbchen oben auf. Sie nimmt sich das Rechenheft und arbeitet konzentriert und schnell – sie hat einen guten Tag! Außerdem haben wir eine Art Belohnungssystem abgesprochen. Wenn der Tag gut verläuft und sie ihre Arbeit erledigt, dann kleben wir mittags Sticker in ihr „Lea-Buch“.

Es ist schon Pause und Lea geht meist gerne raus. Sie hat Freunde auf dem Schulhof gefunden und verbringt fast die ganze Pause mit ihnen zusammen.

Zum Frühstück nach der Pause haben wie leider keine Pausenmutter mehr, da ja niemand das Schulgelände betreten darf. Wir sitzen also alle vor unseren Brotdosen und selbst mitgebrachten Getränken auf unseren eigenen Plätzen. Wie immer hat ein Kind Lesekreis und heute ist es Lea.

Sie malt immer noch sehr gerne und zeigt wirklich echtes Talent. Daher haben wir in der letzten Woche ein von ihr gemalten Bild großkopiert und auf farbigen Karton geklebt. Wir haben gemeinsam einen Text dazu geschrieben und Lea hat ihn am Wochenende zu Hause lesen geübt. Jetzt liest sie ihre Geschichte über einen Dodo und seine Freunde vor und ich gehe mit dem Bild umher, damit alle Kinder, die ja weit auseinander sitzen, es sehen können. Wie immer bekommt Lea einen riesigen Applaus. Ihre Geschichten sind immer besonders und das selbst gemalte Bild beeindruckt die anderen Kinder. Lea lächelt, sie freut sich sehr über das Lob.

Das Alles war anstrengend und Lea möchte zur Entspannung etwas malen. Sie beginnt wieder ein neues Bild und ich schaue schon mal, ob wir es nächste Woche wieder für einen neuen Lesekreis verwenden können. Immer noch sind Dinosaurier, Einhörner und viele andere Tiere oder Fabelwesen Leas Begleiter. Sie haben sie bisher gut durch die Corona Zeit gebracht, denn sie sind stark und ihre Beschützer und beste Freunde. Täglich malt sie Bilder von ihnen und Lea erzählt mir dann über sie…

Nachdem Lea Entspannung im Malen gefunden hat, arbeiten wir noch weiter an ihrem Leseheft. Lea hat heute wirklich einen guten Tag, sie arbeitet eine Weile alleine, aber dann spüre ich, wie sehr sie alles anstrengt. Es wird auch immer unruhiger in der Klasse, denn es ist kalt. Wir lüften alle 20 Minuten und mittlerweile schafft die Heizung es nicht mehr, unseren Raum zu wärmen.  Einige Kinder holen sich ihre Jacken, andere beschweren sich über die Kälte und können sich nicht mehr konzentrieren. Es wird immer lauter und unruhiger und ich merke, dass Lea immer wieder meinen Blickkontakt sucht. Ich schnappe mir ihr neues Bild und wir gehen in den Flur. Da ist es leiser und Lea kommt beim Erzählen wieder etwas zur Ruhe. Ich schreibe schnell mit, denn eine neue Lesekreisgeschichte sprudelt aus ihr heraus! Wir nehmen uns unsere Masken und kopieren ihr Bild im Sekretariat wieder auf großes Papier. In der Klasse zurück gestaltet Lea ihr Bild bunt. Sie findet dabei wieder ihre Ruhe zurück und arbeitet jetzt neben mir. Ich schreibe den Text zum neuen Bild sauber auf, damit Lea ihn später abschreiben kann.

Es ist Mittag geworden und die Schule ist zu Ende. Die Kinder verlassen das Klassenzimmer, nur Lea rutscht zu mir auf die Bank. Jetzt nehmen wir beide uns alleine Zeit und suchen Sticker für ihr Heft heraus. Wir sprechen über den Tag und lachen über witzige Sticker.

Es war ein guter Tag mit Lea. Er war oft geleitet von Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen, nicht leicht, spontan und unbeschwert, aber wir freuen uns trotzdem schon auf morgen!